„Steuergestaltung und Moral“

– ein interdisziplinäres und multimediales Seminar für Wirtschaftswissenschaftler und Juristen

(Prof. Dr. Kay Blaufus / RiFG Dr. Thomas Keß)

Beschreibung des Seminars

Schon seit Jahren wird in den Medien davon berichtet, dass große Konzerne wie Google, Amazon, Apple und Facebook riesige Gewinne erwirtschaften, aber kaum Steuern zahlen. Die Unternehmen bedienen sich dabei aufwändiger Gestaltungen, die mit der Hilfe von Steuerberatern und Rechtsanwälten entwickelt wurden. Regelmäßig sind diese legal, weil sie internationale Steuersatzgefälle und nicht zwischen den Staaten abgestimmte Gesetze ausnutzen. Es ist die Rede von „aggressiven Steuergestaltungen“, die bei der Allgemeinheit für Empörung sorgen und denen mittlerweile auch die Politik weltweit den Kampf angesagt hat.

Sogar nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts steht es jedermann frei, Gestaltungen zu wählen, die eine möglichst geringe Steuerbelastung nach sich ziehen. Aber warum ist es dann problematisch, wenn Unternehmen durch geschickte Gestaltungen ihre Steuerlast reduzieren, solange sie im Rahmen der Gesetze handeln? Wird von den Unternehmen erwartet, dass sie nicht nur gesetzmäßig handeln, sondern auch moralisch? Und von ihren Beratern, dass sie darauf hinweisen, dass eine Steuergestaltung zwar nicht illegal ist, aber vielleicht illegitim? Und wer bestimmt dann, was moralisch ist oder nicht?

Im Rahmen eines interdisziplinären Seminars des Instituts für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre von Prof. Dr. Kay Blaufus und des steuerrechtlichen Lehrbeauftragten der juristischen Fakultät RiFG Dr. Thomas Keß sollen diese Fragen behandelt und der Einfluss von Moral auf die Steuergestaltung juristisch untersucht und empirisch beleuchtet werden.

Aus juristischer Sicht soll dabei zunächst betrachtet werden, in welchem Verhältnis Recht, Gesetz und Moral stehen: Welche Bedeutung hat die Moral bei einer Entstehung und der Anwendung des Gesetzes? Sodann sollen die Begriffe „Steuergestaltung“, „Steuerumgehung“, „Steuerhinterziehung“ voneinander abgegrenzt werden und dabei auch geklärt werden, in welcher Kategorie die aktuell viel diskutierte „aggressive Steuergestaltung“ anzusiedeln ist. Es soll untersucht werden, ob Verantwortliche in einem Unternehmen (etwa zivilrechtlich gegenüber Ihren Aktionären oder Gesellschaftern) zur Minimierung der Steuerlast durch (u.U. auch aggressive) Steuergestaltung verpflichtet sind und ob es für steuerliche Berater (berufsrechtlich) Grenzen der Beratung von Steuergestaltungen gibt. Studierende der Rechtswissenschaft können sich bei diesem Seminar damit auf einem ihnen durchaus vertrauten Terrain bewegen, gleichzeitig lernen sie mit dem Steuerrecht ein ihnen unbekanntes, praktisch aber unglaublich relevantes Rechtsgebiet kennen.

Die Studierenden der Wirtschaftswissenschaft werden sich dem Thema empirisch nähern. Dabei sollen u.a. folgende Fragen geklärt werden: Von welchen Einflussfaktoren hängt es ab, ob eine Steuergestaltung als illegitim oder aggressiv wahrgenommen wird? Spielt die Höhe der erzielten Steuerentlastung, die Art der Steuergestaltung oder der Steuergläubiger eine Rolle? Beurteilen Steuerexperten die Legitimität von Steuergestaltungen anders als steuerliche Laien? Hat sich die Steuermoral der deutschen Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten verändert? Um diese Fragen zu beantworten, erhalten die Studierenden die Möglichkeit, die Ergebnisse von zwei bundesweiten Umfragen auszuwerten.

Die Ergebnisse Ihrer Arbeiten sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars jeweils in einem kurzen Video und auf einem einseitigen Poster zusammenstellen.

Daneben werden die Studierenden prominente Steuerexperten zu dem Thema des Seminars interviewen. Das Interview soll online geführt und aufgezeichnet werden.

Bei einer gemeinsamen Seminarveranstaltung, die am 9. Dezember 2022 im großen Saal der Villa Tram des Steuerberaterverbandes Niedersachsen Sachsen-Anhalt stattfindet, werden die Videos, Poster und das Interview unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorgestellt und diskutiert.

Am Dienstag, dem 17. Januar 2023, findet schließlich ein Abendsymposium des VFS Hannover – Verein zur Förderung der Steuerrechtswissenschaft an der Leibniz Universität Hannover – und des Instituts für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre der Leibniz Universität Hannover zu dem Seminarthema „Steuergestaltung und Moral“ statt, an dem renommierte Steuerwissenschaftler und -praktiker mitwirken. In diesem Rahmen werden auch die Poster und das Interview der Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer präsentiert.

Die beiden besten Seminararbeiten werden mit einem Geldpreis von 500 € ausgezeichnet, der auf dem Symposium überreicht wird.

Um einen ersten Eindruck von der interdisziplinären Arbeit zu gewinnen und sich für eine Teilnahme an dieser Veranstaltung zu motivieren, finden Sie hier ein Interview mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern des letzten Seminars zu dem Thema „Rechtssicherheit im Unternehmenssteuerrecht“.

Zeitplan

19. Juli 2022, 16.15 Uhr
Vorstellung des Seminars und der Themen (Raum 1501.112, Conti-Campus)
22. Juli 2022
Frist zur Bewerbung mit Abgabe der Themenpräferenzen (per Webformular)
25. Juli 2022
Themenzuweisung
29. Juli 2022
Frist für die verbindliche Anmeldung
18. November 2022
Frist zur Abgabe der Seminararbeiten und Poster
1. Dezember 2022
Abgabe des Präsentationsvideos
9. Dezember 2022, 9 bis 17 Uhr
Präsentationsveranstaltung im großen Saal der Villa Tram des Steuerberaterverbandes Niedersachsen Sachsen-Anhalt (Zeppelinstraße 8, 30175 Hannover)
17. Januar 2023, 18 Uhr
Abendsymposium „Steuergestaltung und Moral“ unter Mitwirkung renommierter Steuerwissenschaftler und -praktiker mit  Präsentation der Poster und des Interview-Videos (im Königlichen Pferdestall der Leibniz Universität Hannover, Appelstraße 7, 30167 Hannover)

Einstiegsliteratur

Alm, J., & Torgler, B. (2006). Culture differences and tax morale in the United States and in Europe. Journal of economic psychology, 27(2), 224-246.

Blaufus, K., Möhlmann, A., & Schwäbe, A. N. (2019). Stock price reactions to news about corporate tax avoidance and evasion. Journal of Economic Psychology, 72, 278-292.

Hüttemann, R. (Hrsg.), Gestaltungsfreiheit und Gestaltungsmissbrauch im Steuerrecht, DStJG Band 33 (2010): https://www.dstjg.de/sites/default/files/anylink/33_PDF.PDF

Lamprecht, P., Moral und Grenzverhalten im Steuerrecht – Zur Rechtsverwirklichung im Steuerrecht und zur neuen Anzeigepflicht für Steuergestaltungen, Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtsprechung 2020, 199-210

„benefits“

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars haben die großartige Möglichkeit, bereits im Rahmen ihrer universitären Ausbildung über den Tellerrand hinauszuschauen, ein ihnen unbekanntes, aber sehr spannendes und praktisch und wirtschaftlich äußerst bedeutsames Rechtsgebiet kennen zu lernen und vor allem Erfahrungen in der interdisziplinären Projektarbeit zu sammeln.

Die Studierenden der rechtswissenschaftlichen Fakultät haben die Wahl, ob sie das Seminar als Proseminar (§ 4a Abs. 3 NJAG) oder für den Erwerb der Schlüsselqualifikation (§ 4 Abs. 1 Buchstabe f NJAG) belegen und einen entsprechenden Nachweis erlangen möchten.

Für die Studierenden der Wirtschaftswissenschaft (B.Sc.) handelt es sich bei der Veranstaltung um ein Seminar im Kompetenzbereich BWL (Belegnummer: 271001)

Alle Studierenden erhalten zusätzlich eine Urkunde über die erfolgreiche Teilnahme an dieser interdisziplinären Veranstaltung.

Die beiden besten Seminararbeiten werden mit einem Preisgeld i.H. jeweils von 500 € belohnt.

Kontakt

Bei Fragen zu dem Seminar und bei Interesse an einer Teilnahme stehen Ihnen Prof. Dr. Kay Blaufus und Dr. Thomas Keß gerne zur Verfügung.